Stefanie Kyhos - Praxis für Psychologische Beratung und Coaching
Wenn du dich schuldig fühlst für etwas, das gar nicht deine Schuld war
Warum Schuld und Scham nach belastenden Erfahrungen so hartnäckig sein können
Es gibt diese Gedanken, die sich irgendwann ganz selbstverständlich anhören.
Warum habe ich das nicht früher gemerkt?
Warum habe ich mich nicht gewehrt?
Warum bin ich geblieben?
Warum habe ich das zugelassen?
Und manchmal kommt noch ein anderer Gedanke dazu:
„Vielleicht stimmt mit mir einfach etwas nicht.“
Was als einzelne Frage beginnt, kann sich zu einem inneren Kreislauf entwickeln. Du denkst über das Erlebte nach. Du suchst nach deinem eigenen Anteil. Du gehst Gespräche noch einmal durch. Du überlegst, was du hättest anders machen können.
Und je länger du darüber nachdenkst, desto stärker werden vielleicht Schuldgefühle oder Scham.
Aber was, wenn die eigentliche Frage nicht lautet:
„Was habe ich falsch gemacht?“
Sondern:
„Welche Möglichkeiten hatte ich damals überhaupt?“
Wenn wir im Nachhinein versuchen, die Kontrolle zurückzugewinnen
Menschen möchten verstehen, was passiert ist. Das ist etwas zutiefst Menschliches.
Besonders nach Erfahrungen, die uns hilflos, ausgeliefert oder überfordert gemacht haben, suchen wir häufig nach einer Erklärung.
Und manchmal finden wir diese Erklärung ausgerechnet bei uns selbst.
Ich hätte deutlicher sein müssen.
Ich hätte gehen müssen.
Ich hätte früher etwas sagen müssen.
Der Gedanke kann kurzfristig sogar beruhigend wirken.
Denn wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann hätte ich es theoretisch auch verhindern können.
Damit entsteht ein Gefühl von Kontrolle über etwas, das sich damals vielleicht überhaupt nicht kontrollieren ließ.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Schuld ist nicht dasselbe wie Scham
Die beiden Gefühle liegen nah beieinander und werden trotzdem oft verwechselt.
Schuld sagt:
Ich habe etwas getan, das falsch war.
Scham sagt:
Mit mir stimmt etwas nicht.
Dieser Unterschied kann viel verändern.
Denn Schuld richtet sich eher auf eine Handlung.
Scham richtet sich gegen die eigene Person.
Vielleicht denkst du irgendwann nicht mehr nur:
„Ich hätte anders reagieren müssen.“
Sondern:
„Warum bin ich so?“
„Warum schaffe ich es nicht, mich besser abzugrenzen?“
„Warum lasse ich so etwas mit mir machen?“
Und genau an diesem Punkt wird aus der Frage nach einer Situation schnell eine Frage über den eigenen Wert.
Vielleicht war deine Reaktion damals keine Schwäche
Stell dir ein Kind vor, das in einer schwierigen familiären Situation lebt.
Es merkt, dass die Stimmung zu Hause kippt.
Es versucht, keinen zusätzlichen Ärger zu machen.
Vielleicht tröstet es einen Elternteil. Vielleicht übernimmt es Verantwortung. Vielleicht wird es besonders angepasst. Vielleicht lernt es, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.
Von außen kann das später unglaublich selbstständig, vernünftig oder reif aussehen.
Doch für das Kind kann dahinter eine ganz andere Erfahrung stehen:
„Ich muss aufpassen.“
„Ich darf niemandem zur Last fallen.“
„Ich muss dafür sorgen, dass es funktioniert.“
Das bedeutet nicht, dass jede schwierige Kindheit automatisch zu einem Trauma führt.
Aber früh gelernte Strategien können uns begleiten.
Und manchmal tauchen sie Jahre später in Situationen wieder auf, in denen wir längst erwachsen sind.
Wenn das alte Muster im Heute auftaucht
Vielleicht kennst du eine solche Situation.
Jemand ist verärgert – und du bekommst sofort ein schlechtes Gewissen.
Du möchtest Nein sagen – und hast Angst, den anderen zu enttäuschen.
Du bemerkst, dass dir etwas zu viel wird – und übernimmst trotzdem noch mehr.
Oder du gerätst in einen Konflikt und fragst dich anschließend nicht zuerst:
„Was brauche ich jetzt?“
Sondern:
„Was hätte ich besser machen können?“
Vielleicht machst du dich selbst sogar für die Gefühle anderer verantwortlich.
Und vielleicht schämst du dich dafür, dass du immer wieder in ähnliche Situationen gerätst.
Hier kann ein Perspektivwechsel entlastend sein.
Nicht:
„Warum bin ich so?“
Sondern:
„Was habe ich irgendwann gelernt, um mit schwierigen Situationen zurechtzukommen?“
Das, was einmal geholfen hat, kann später zur Belastung werden
Eine Strategie kann sinnvoll sein und trotzdem irgendwann nicht mehr passen.
Wer gelernt hat, Konflikte zu vermeiden, schafft dadurch vielleicht lange Zeit Frieden.
Wer gelernt hat, immer stark zu sein, wird von anderen als zuverlässig erlebt.
Wer gelernt hat, die Bedürfnisse anderer sehr genau wahrzunehmen, ist vielleicht besonders empathisch.
Doch was passiert, wenn du selbst etwas brauchst?
Wenn du erschöpft bist?
Wenn jemand enttäuscht von dir ist?
Wenn du eine Grenze setzen möchtest?
Dann kann eine Strategie, die früher Sicherheit gegeben hat, plötzlich im Weg stehen.
Nicht weil mit dir etwas falsch ist.
Sondern weil dein Leben heute ein anderes ist.
Und was ist dann mit der Schuld?
Vielleicht gibt es Dinge, für die du tatsächlich Verantwortung trägst.
Aber Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe.
Vielleicht hast du Entscheidungen getroffen, die du heute anders treffen würdest.
Vielleicht hast du zu lange geschwiegen.
Vielleicht bist du geblieben, obwohl du längst gehen wolltest.
Vielleicht hast du jemanden verletzt.
Das darf Teil deiner Geschichte sein.
Doch daraus folgt nicht automatisch:
„Ich bin schuld an allem.“
Und schon gar nicht:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Es kann hilfreich sein, genauer zwischen dem zu unterscheiden, was damals tatsächlich in deiner Verantwortung lag – und was nicht.
Vielleicht brauchst du nicht noch mehr Selbstkritik
Manche Menschen versuchen, sich durch Selbstkritik zu verändern.
Beim nächsten Mal muss ich stärker sein.
Ich darf das nicht noch einmal zulassen.
Ich muss endlich lernen, Nein zu sagen.
Doch Druck erzeugt nicht automatisch Veränderung.
Manchmal beginnt Veränderung an einem ganz anderen Punkt:
mit Verständnis.
Was löst etwas in mir aus?
Was brauche ich in diesem Moment?
Wovor möchte ich mich vielleicht schützen?
Welche alten Erfahrungen könnten dabei eine Rolle spielen?
Und was möchte ich heute anders machen?
Du musst deine Geschichte nicht kleinreden
Gerade bei frühen Erfahrungen begegnet mir ein Gedanke immer wieder:
„So schlimm war es bei mir doch gar nicht.“
Vielleicht hattest du ein Dach über dem Kopf.
Vielleicht war deine Familie nach außen völlig normal.
Vielleicht haben deine Eltern ihr Bestes gegeben.
Vielleicht gab es keinen einzelnen Vorfall, den du heute als „das Trauma“ benennen könntest.
Und trotzdem kann etwas gefehlt haben.
Vielleicht wurdest du mit deinen Gefühlen häufig allein gelassen.
Vielleicht warst du früh für andere verantwortlich.
Vielleicht war Anpassung wichtiger als dein eigenes Erleben.
Du brauchst keinen Beweis dafür, dass etwas „schlimm genug“ war, um dein heutiges Erleben ernst zu nehmen.
Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass jede schwierige Erfahrung ein Trauma ist.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
Ein anderer Blick auf dich selbst
Vielleicht ist die Frage am Ende gar nicht:
„Warum bin ich so geworden?“
Vielleicht lautet sie:
„Wie möchte ich heute mit mir und meinem Leben umgehen?“
Du kannst deine Vergangenheit nicht verändern.
Aber du kannst verstehen, welche Erfahrungen dich geprägt haben.
Du kannst erkennen, welche Strategien dir einmal geholfen haben.
Und du kannst entscheiden, was davon heute noch zu dir passt.
Vielleicht musst du nicht härter mit dir werden.
Vielleicht brauchst du mehr Verständnis für dich selbst.
Schuld und Scham müssen nicht das letzte Wort haben
Wenn du dich heute für etwas schämst, das lange zurückliegt, bedeutet das nicht, dass du für immer so empfinden musst.
Wenn du dir immer wieder die Schuld gibst, bedeutet das nicht, dass diese Schuld auch tatsächlich dir gehört.
Und wenn du bestimmte Reaktionen an dir nicht verstehst, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Vielleicht gibt es einen Zusammenhang, den du bisher noch nicht gesehen hast.
Und manchmal kann genau dieses Verstehen etwas verändern.
Nicht sofort alles.
Aber vielleicht den ersten kleinen Schritt.
Wenn dich dieses Thema beschäftigt
In meiner psychologischen Beratung im Raum Bamberg und online schauen wir gemeinsam darauf, was dich heute belastet und welche Zusammenhänge dabei eine Rolle spielen können.
Dabei geht es nicht darum, deine Vergangenheit zu bewerten oder sie „aufzuarbeiten“.
Es geht darum, dein heutiges Erleben besser zu verstehen, Schuld und Scham einen anderen Platz zu geben und neue Möglichkeiten für dich zu entwickeln.
Du musst dafür nicht schon wissen, was dein eigentliches Problem ist.
Manchmal reicht zunächst die Frage:
„Warum geht es mir damit eigentlich immer noch so?“
Deine nächsten Schritte
Wenn du merkst, dass dich Schuldgefühle oder Scham noch immer beschäftigen und du dir Unterstützung wünschst, vereinbare gerne ein kostenloses 15-minütiges Kennenlerngespräch mit mir.
Manchmal hilft schon dieses erste Gespräch, um Gedanken zu sortieren, Zusammenhänge besser zu verstehen und einen ersten Schritt aus dem Gefühl des Alleinseins zu machen.
Du erreichst mich telefonisch unter 09502 – 92 54 405 oder direkt über meinen Online-Kalender.
Und denk daran:
Du bist nicht das, was dir passiert ist. Du musst dich für deine Reaktionen nicht verurteilen.
*Stefanie Kyhos ist Psychologische Beraterin, systemische Coachin, Resilienztrainerin und Traumafachberaterin mit Praxis in Pommersfelden bei Bamberg. Sie begleitet Menschen bei Lebenskrisen, emotionaler Erschöpfung, Beziehungsthemen, Trennung & Verlust sowie belastenden früheren Erfahrungen – empathisch, wertschätzend und traumasensibel.

